Hilfe ja – aber auf Augenhöhe

20. November 2020

Videokonferenz des Forums Kirche und SPD zur Situation in Nord- und Westafrika in der Corona-Pandemie

Afrikanische Ananas, berufliche Bildung von Frauen und Mädchen und grüner Wasserstoff – das sind drei auf den ersten Blick womöglich erstaunliche, aber wichtige Ansatzpunkte, wenn es darum geht, Afrika nachhaltig zu unterstützen. Gerade in Zeiten von Corona braucht Afrika die Hilfe Europas, aber anders als es lange Zeit in der klassischen „Entwicklungshilfe“ üblich war. Die Unterstützung muss „auf Augenhöhe“ sein, angepasst an die tatsächlichen Bedürfnisse vor Ort – und nicht ausgehend von den Vorstellungen der europäischen Politik und Wirtschaft.

Das war die Quintessenz eines lebhaften und spannenden virtuellen Gesprächs beim Forum Kirche und SPD, zu dem Diana Stachowitz, Vorstandsvorsitzende des Forums und kirchenpolitische Sprecherin der BayernSPD Landtagsfraktion, und ihre Vorstandskollegin, die stv. Landrätin des Landkreises München Annette Ganssmüller-Maluche, zwei hochkarätige Nord- und Westafrikaexperten als Gesprächspartner eingeladen hatten: Franz Maget, von 2016 bis 2018 als Sozialreferent an der Deutschen Botschaft in Tunis und in Kairo und seit 2019 Sonderberater beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für die Länder des Maghreb und Ägypten; und Johannes Singhammer, ebenfalls Berater des BMZ für Westafrika, vor allem Togo, und Vizepräsident der Deutschen Afrika Stiftung.

Corona verschärft die Armut in Afrika

Die Corona-Pandemie macht auch vor den Ländern des Maghreb und Westafrikas nicht Halt. Aber schwerer als die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung sind die wirtschaftlichen Folgen. Anders als befürchtet hält sich die Ausbreitung des Coronavirus in Afrika in Grenzen – Gründe dafür sind, so Singhammer, eine junge Bevölkerung, Erfahrung im Umgang mit Pandemien und die hohen, für das Virus ungünstigen Temperaturen. Wirtschaft und Handel allerdings leiden massiv unter der Pandemie. Der Tourismus ist praktisch völlig zum Erliegen gekommen. Wirtschaftliche Kontakte und Exporte sind eingefroren, die Arbeitslosigkeit weiter gestiegen. Corona wirft Afrika entwicklungstechnisch weit zurück. Die Armen werden noch ärmer, die Spaltung in der Gesellschaft noch tiefer. Europa hat einen Rettungsschirm aufgespannt, aber die Länder auf der anderen Seite des Mittelmeeres – in Sichtweite der EU - erhalten keine Hilfen. Die Solidarität höre am Mittelmeer auf, stellte Maget fest, dabei habe alles, was sich dort abspielt, Konsequenzen für uns: „Europa wird von den dortigen Gegebenheiten beeinflusst werden, Migration ist nur ein Stichwort.“

Gezielte projektbezogene Hilfe

Um so wichtiger ist es, jetzt funktionierende Programme zur Unterstützung der Länder in Nord- und Westafrika aufzulegen. Statt die Systemgrenze Mittelmeer mit Schlauchbooten zu überwinden, müsse Europa die Situation durch gezieltes Engagement entspannen, projektbezogen und vor Ort, präzise, achtsam und vor allem ohne „von oben herab“ Vorschriften zu machen, betonten die Afrika-Experten.

Ansätze gibt es bereits, sie gilt es auszuweiten, kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen auszubauen und die Länder dort zu unterstützen, wo sie selbst den Bedarf sehen. Zum Beispiel beim Schlüsselthema Bevölkerungswachstum. Nord- und Westafrika wachsen schnell. Allein in Nigeria werden in 20 Jahren so viele Menschen leben wie in ganz Europa.

Frauen sind der maßgebliche Erfolgsfaktor für die Entwicklung der Gesellschaft

Der Schlüssel zu einem gesunden Bevölkerungswachstum ist die berufliche Ausbildung, auch und vor allem für Frauen und Mädchen. Je höher die Ausbildung der Frauen, desto geringer die Kinderzahl. Parallel müssen ausreichend Arbeitsplätze geschaffen werden, die den Familien eine Lebensperspektive bieten, z.B. in der genossenschaftlichen Landwirtschaft oder im technischen Bereich: So entwickelt und exportiert Ghana hochwertige technische Geräte. Oder in der Energiepolitik: Marokko hat derzeit das größte Solarkraftfeld in Afrika und Europa und will bis 2035 nur noch erneuerbare Energien nutzen. Das jüngste Projekt ist grüner Wasserstoff aus Solar- und Windkraft als Antriebsstoff der Zukunft. Beispiele, betonten die Afrika-Experten, wie europäische Kooperation mit Afrika in beiderseitigem Interesse funktioniert: nicht bestimmend, sondern inspirierend und verstehend.

Europa muss handeln, so das Fazit des Abends. Denn die Zeit drängt. Afrika werde sich entwickeln – und wir würden die Konsequenzen tragen. Deshalb gelte es, mehr auf unseren direkten Nachbarn Afrika zu schauen, sagte Diana Stachowitz zum Abschluss: „Europapolitik muss Afrikapolitik sein.“

Seine Erfahrungen als Sozialreferent im Maghreb hat Franz Maget jetzt in einem Buch herausgebracht: Zehn Jahre Arabischer Frühling. Erschienen im Volk-Verlag und ab sofort im Buchhandel erhältlich.